Macron

(20.5.17) Am 16. Mai 2012 schüttelte Merkel dem damals 34 Jahre alten Emmanuel Macron erstmals die Hand. Als wirtschaftspolitischer Berater des neuen französischen Präsidenten Francois Hollande stand er bei Regen im Ehrenhof des Kanzleramtes – und weder Kanzlerin noch er selbst wussten damals, dass er am 7. Mai 2017 zu Hollandes Nachfolger gewählt werden würde. Bereits 2013 entwarf Macron mit Merkels Beratern weitreichende Pläne für eine Reform der Eurozone, die der Sozialist Hollande aber aus Angst vor einer Spaltung seiner Partei nicht umsetzen wollte. Aber Macron hielt als Berater, dann Wirtschaftsminister, dann als Präsidentschaftskandidat engen Kontakt nicht nur zu führenden SPD-Politikern wie Sigmar Gabriel oder Martin Schulz, sondern eben auch zum Kanzleramt. Bereits vor seiner Wahl empfing Merkel  den unabhängigen Kandidaten am 16. März 2017 in der Berliner Regierungszentrale – und machte vor der Stichwahl deutlich, dass sie ihm die Dauen für einen Sieg gegen die rechtsextreme Gegenkandidatin Marine Le Pen drückte. Sein eigener Antrittsbesuch am 15. Mai verlief wegen seiner klaren Bekenntnise zur EU und der deutsch-französischen Zusammenarbeit so herzlich wie wohl keiner seiner Vorgänger. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, zitierte Merkel in der gemeinsamen Pressekonferenz Hermann Hesse – und kredenzte dem Gast später Wiener Schnitzel mit Spargel. Gegenseitig Lob dominierte den ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt. Die offizielle Begrüßung des Präsidenten verlief zwar noch ohne Küßchen, dafür aber schon mit etwas ungelenken Berührungen der gegenseitigen Oberarme – im seit Jahrzehnten eingeübten deutsch-französischen Protokoll sicheres Anzeichen von Nähe.

 

Schröder

Das Verhältnis Merkels zu ihrem Vorgänger wird für die meisten durch die Szene am Wahlabend des 18. September 2005 geprägt, als Schröder Merkel versicherte, seine Partei werde sie nicht als Kanzlerin akzeptieren. Aber das Verhältnis der beiden, das von Konkurrenz und später von gegenseitiger Anerkennung geprägt ist, begann viel früher. Bereits als Bundesumweltministerin ärgerte sich Merkel in den neunziger Jahren über das von ihr als hinterhältig eingeschätzte Vorgehen des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten bei den damaligen Energiekonsensgesprächen. Mit der Bemerkung »Frau Merkel ist reichlich inkompetent« hatte sich der SPD-Politiker eine Gegnerin geschaffen. »Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn irgendwann genauso in die Ecke stellen werde. Ich brauche dazu noch Zeit, aber eines Tages ist es so weit. Darauf freue ich mich schon«, sagte sie im Januar 1997. Als sie im Wahlkampf 2005 als Kanzlerkandidatin antrat, ärgerte sich Merkel erneut über seine gezielt herablassende Art gegenüber seiner Herausforderin. Zugleich wuchs der Respekt vor dem Wahlkämpfer Schröder, der es aus der absoluten Defensive heraus fast noch zur Wiederwahl seiner rot-grünen Regierung geschafft hätte. »Ich habe ihn nie unterschätzt – auch vier Wochen vor der Wahl nicht«, erklärte sie später. Merkel bekennt offen, dass sie Schröder um seine schnelle Entscheidungsfähigkeit beneide – und lobt ihn bis heute intern und öffentlich auch als CDU-Kanzlerin für die 2003 von ihm durchgesetzte Agenda 2010. Schon in ihrer Regierungserklärung am 30. November 2005 betonte Merkel ausdrücklich: »Ich möchte Bundeskanzler Schröder ganz persönlich dafür danken, dass er mit seiner Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen hat, eine Tür zu Reformen, und dass er die Agenda gegen Widerstände durchgesetzt hat.«

Allerdings weist Merkel gleichzeitig die Einschätzung zurück, Schröder sei deshalb mutiger gewesen sei als sie und sie profitiere letztlich nur von seinen Reformen. Jeder Kanzler müsse sich in seiner Amtszeit bestimmten Problemen stellen, die ein Nachfolger nicht einfach wiederholen könne. Für den SPD-Kanzler sei die Neuordnung der Sozialleistungen diese Aufgabe gewesen.

Dass sich beide längst als ebenbürtig ansahen, zeigte sich, als der abgewählte Schröder im Juli 2007 nach dem Amtsantritt Merkels ins Kanzleramt kam, um sein Bild in der Ahnengalerie der Kanzlerin im ersten Stock aufhängen zu lassen. Als der SPD-Politiker das Goldporträt von Jörg Immendorff würdigte, sagte er gut gelaunt, dass irgendwann auch Merkel neben ihm hängen werde. Die Kanzlerin machte im Gegenzug leicht spöttisch klar, dass sie nun die Gastgeberin im Kanzleramt war. »Nun brauchen die Besucherinnen und Besucher nicht mehr zu fragen: Warum wird Schröder eigentlich nicht aufgehängt?«

Am 22. September 2015 stellte ausgerechnet Merkel mit viel Sympathie-Bekundungen die neue Biografie Schröders vor. So sei sie »unheimlich berührt« gewesen, dass Schröder bei der Amtsübergabe im Kanzleramt 2005 zwar nur sehr knapp auf ihre Fragen geantwortet habe, dann aber ein Kuchen in dem leeren Büro stand, als sie einzog. »Das fand ich ganz toll.« Es gebe ein Grundvertrauen zwischen den Büros des Vorgängers und ihrem eigenen. Und nach fast zwölf Jahren Kanzlerschaft gehe ihr noch immer locker der Satz über die Lippen: »Schröder hat sich um unser Land verdient gemacht.«

Im Wahlkampfjahr 2017 erneuerte sie ihr Lob immer wieder und wieder. »Als ich 2005 Bundeskanzlerin wurde, habe ich mich nicht gescheut zu sagen, mein Vorgänger Schröder hat richtige Reformen gemacht«, sagte sie etwa im März 2017. Das Lob für Schröder nutzt Merkel dabei als Kritik an der aktuellen SPD. Diese stecke gedanklich immer noch in der Vergangenheit fest und führe nun schon den vierten Bundestagswahlkampf über nötige Korrekturen an der Agenda 2010.

Ohne Spott geht es nicht ab, wenn  beide politischen Alpha-Tiere aufeinandertreffen. Als Merkel bei der Buchvorstellung gefragt wurde, ob sie sich Schröder auch in ihrem Kabinett hätte vorstellen können, musste sie erst lachen. »Da wäre ich auch mit klar gekommen«, fügte sie dann hinzu. Kreative Menschen könne man in jedem Kabinett gebrauchen. »Er hatte ja wirklich viele Fähigkeiten.« Schröder saß derweilen kiefermahlend auf der Bühne. Auf die Frage, ob die beiden denn auch miteinander essen gingen, sagte sie: »So ausschweifend wollen wir nicht gleich werden.« Aber man rede miteinander, wenn es nötig sei.

Sprache

Sprache war für Merkel schon immer wichtig – sie soll sehr früh angefangen haben, zu sprechen. Und nach eigenen Angaben hat sie dann auch sehr viel gesprochen. Schaut man auf die schier endlose Liste an Reden und Pressekonferenzen, die sie im Laufe ihrer Amtszeit gehalten hat, dann hat sich dies nicht geändert. Gleichzeitig wird sie immer wieder wegen einer technokratischen, unklaren Sprache in vielen Reden (s. Rede) kritisiert. »Das Wort ist ein bisschen elitär – disruptiv. Aber wie soll man es anders beschreiben«, sagte sie etwa im November 2016 mit Blick auf die Wirkung der Digitalisierung – um später zu scherzen, ihr sei gesagt worden, das Wort nicht mehr zu verwenden. Sprache variiert bei Merkel stark nach den äußeren Gegebenheiten. Im kleinen Kreis punktet sie oft durch Humor (s. Humor), Klarheit und eine in der Kombination mit Macht reizvoll derbe Bodenständigkeit – bis hin zu flapsigen Sätzen oder Schimpfworten. Manchmal schleicht sich trockener Witz auch in Reden ein, vor allem, wenn sie diese nicht abliest. »Wir müssen aufhören, unsere Gesellschaft unentwegt in Schubladen einzuteilen: das Vorschulkind, das Schulkind, der Auszubildende, der Ausgebildete, der Arbeitnehmer. Dann wird man zum Rentner – und dann ist man wieder in einer anderen Box«, sagte sie etwa 2012. Zudem pflegt sich eine geradezu legendäre Nüchternheit (s. nüchtern). »Der Sonntag war erst mal so okay«, sagte sie etwa nach dem überraschend klaren CDU-Sieg im Saarland im März 2017. »Ich sagte schon mal, an einem Tag wie gestern muss man wenig traurig sein.« Das kommt gut an.

Wenn Merkel dagegen vor großem Publikum über komplizierte inhaltliche Themen wie die Digitalisierung redet, die sie selbst sehr interessieren, verliert sie sich manchmal in abstrakte Sprachkonstrukte und spricht dann schon einmal wie im März 2017 von einem »qualitativen Veränderungszeitraum«. (s. Reden)

Merkel hat sich lange dagegen gewehrt, Sätze in den Mund zu nehmen, von denen sie nicht völlig überzeugt ist – nur um Applaus zu erhalten oder weil ihre Partei diese von ihr erwartet. Wenn sie unter Druck steht, passiert es aber doch. Im Dezember 2016 etwa erntete sie auf dem CDU-Bundesparteitag Begeisterung für ihre Forderung nach einem Verbot der Vollverschleierung – ihr folgender einschränkender Halbsatz »wo immer es rechtlich möglich ist«, war kaum noch zu hören. Merkel wird zudem immer dann als besonders authentisch wahrgenommen, wenn sie persönlich wird. »Ihr müsst, ihr müsst, ihr müsst mir helfen«, sagte sie etwa auf dem CDU-Parteitag nach der Ankündigung ihrer vierten Kanzlerkandidatur.

Sehr deutlich und überhaupt nicht technokratisch klingt sie vor allem, wenn sie mit Schülern  diskutiert. Dann versucht Merkel, komplizierte politische Sachverhalte und Abwägungen anschaulich zu erklären, wählt eine Alltagssprache – was meist funktioniert. Einem Lehrer machte sie etwa klar, wie er seinen Schülern etwas Abstraktes wie den Begriff »Infoblase« anhand von Rosen- und Margariten-Liebhabern erklären könne.

Medien (24.3.17)

Merkel hat eine sehr ausgeprägte Beziehung zu Medien, schon weil sie rund um die Uhr Informationen aus allen möglichen Kanälen aufsaugt. Sie hört Deutschlandfunk und schaut sich die Hauptnachrichtensendungen im Fernsehen an (bzw. über Internet, weil sie sie dann zu der ihr passenden Zeit sehen kann). Medien spielen eine wichtige Rolle für ihre Regierungspolitik, weil sie Schaltstelle zwischen Merkel und dem Volk sind – allerdings schon wegen ihrer Videopodcasts keine exklusive mehr. Sie selbst stöbert auch im Economist oder Time-Magazine, ist kontinuierlich offen für Lesetipps der Mitarbeiter. Längere Stücke nimmt Merkel am Wochenende zur ausführlichen Lektüre mit in ihre Datsche.

Besonders schätzt sie Zeitungen, weshalb sie regelmäßig beim BDZV auftritt, dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, aber auch bei Lokalzeitungen. »Ich informiere mich im Wesentlichen aus deutschen Zeitungen«, betonte sie noch im Februar 2017. Printmedien hätten als »politische Leitmedien« eine wichtige Funktion in der freiheitlichen Grundordnung, betonte sie. »Ich glaube, dass Lokalzeitungen sehr, sehr wichtig sind und überhaupt kein Auslaufmodell.« Den Verlegern schrieb sie ins Stammbuch, dass sie sich um Qualitätsjournalismus bemühen und Zeitungen nicht kaputtsparen sollten. »Meiner Überzeugung nach sollten Verleger eben gerade nicht der wirtschaftlichen Versuchung erliegen, durch massive Einsparungen im redaktionellen Bereich die journalistische Substanz aufs Spiel zu setzen«, warnte sie.

»Wir brauchen hochwertigen Journalismus in allen Medien. Die Pressefreiheit ist Grundlage all dessen, was wir tun«, sagte sie. Dahinter steckt bei Merkel die tiefe Überzeugung, dass die deutsche Demokratie auch deshalb so gut funktioniert, weil sich hierzulande bisher eine weltweit fast einzigartige breite und vielfältige Zeitungs- und Medienkultur erhalten hat. Wäre sie selbst Journalistin geworden, dann eine, »die sich auf das Erklären von komplexen Themen konzentriert hätte«, meinte Merkel. Das fehle häufig.

Die Kanzlerin hat zugleich eine hohe Erwartung an die Medien, die möglichst korrekt und genau berichten sollten. »Medien haben eine Verpflichtung zur Information und Aufklärung. Da es zum Glück mehrere Zeitungen und Sender gibt, mittelt sich das meistens aus. Wenn alle das Gleiche schreiben, sollten sich Journalisten allerdings auch mal fragen, ob und warum es so wenig Vielfalt gibt. Aber ansonsten halte ich mich da raus. Das ist doch der Vorteil der Demokratie: Sie funktioniert gerade, weil es unabhängige Gewalten gibt und dadurch Fehlentwicklungen unwahrscheinlicher werden.«

Merkel ist überzeugt davon, dass mediale Öffentlichkeit für die Lösung von Problemen wichtig ist. »Nur wenn es bekannt wird, wird es auch geändert«, ermunterte die Kanzlerin etwa bei einer Diskussion im sozialen Brennpunktgebiet Duisburg-Marxloh die Anwesenden, keine Angst vor offener Kritik an Missständen zu haben. Am Schlimmsten an den Belästigungen in Köln in der Silvesternacht 2015/2016 sei gewesen, dass der Eindruck entstanden sei, die Behörden und Medien hätten etwas verschweigen wollen, kritisierte sie mehrfach. Ausdrücklich weist sie etwa den Vorwurf der »Lügenpresse« zurück. »Ich glaube, dass diese pauschale Verurteilung überhaupt nicht zutrifft. Denn die Qualität deutscher Zeitungen ist, glaube ich, auch im internationalen Vergleich sehr gut«, betonte sie.

Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Kurs anderer Regierungen kann Merkel sehr deutlich werden: So erinnerte sie die nationalkonservative polnische Regierung daran, welche wichtige Rolle freie Medien beim Sturz des Kommunismus spielten – was nichts anderes war als eine indirekte Kritik an dem umstrittenen Umgang der Regierung in Warschau mit Medien. Ebenso deutlich war sie gegenüber US-Präsident Donald Trump und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Auf die Frage, was sie zu Trumps Äußerungen sage, dass Medien »Feinde« seien, antwortete sie: »Ansonsten setze ich auf eine freie, unabhängige Presse und habe einen hohem Respekt vor Journalisten.« Pressefreiheit sei eine wesentliche Säule der  Demokratie. Bei Gesprächen etwa mit dem  türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim setzte sie sich Anfang 2017 für den verhafteten deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel ein.

Manchmal gerät sie sogar ins Schwelgen über die Rolle von Journalisten – etwa bei der Beschreibung der Rolle beim Mauerfall. »Die Wirkung der präzisen Frage zum richtigen Zeitpunkt, die Freiheit, sie stellen zu können, und vor allem die Freiheit, über die Antwort zu berichten, und zwar ungekürzt, unverändert, unverzüglich – welch ein hohes Gut«, begeisterte sich die ehemalige DDR-Bürgerin 2010. Medien übten ein wichtiges Wächteramt aus. Sie selbst wiederum weiß um ihre Bedeutung: »Weil bei mir als Bundeskanzlerin auf jedes Wort geachtet wird und sich jedes Wort rasend schnell verbreitet, sollte ich schon konzentriert sein.«

Das Verhältnis zu den Medien ist aber nicht spannungsfrei. »Als Politikerin weiß ich: Zeitungsberichte sind das eine, die Realität ist das andere«, gab sie sich 2006 kritisch – wohl auch aus Selbstschutz. »Sie schreiben, was Sie wollen, ich halte nicht alles für richtig, aber nehme es mir immer zu Herzen«, meinte Merkel etwa bei der traditionellen Sommerpressekonferenz im Juli 2010 zu der vor ihr versammelten Berliner Hauptstadtpresse. Da hatte sie gerade lesen müssen, sie habe mit Roland Koch und Ole von Beust wieder zwei männliche CDU-Politiker bewusst aus den Ämtern gedrängt – obwohl der eine über eine Affäre mit einem Minderjährigen stolperte und der andere eine Karriere in der Wirtschaft anstrebte. »Aber als Regierungschefin kann ich mir ja täglich meine Wünsche erfüllen – schreiben Sie«, setzte sie spöttisch hinzu und tröstete einen chinesischen Journalisten, der sich über die kritische Berichterstattung über sein Land beschwerte. »Schauen Sie einfach mal, was die Medien über mich schreiben.« Eher falsch findet sie, dass »jede Diskussion, die zur Klärung einfach notwendig ist, immer gleich als Streit oder existenzbedrohlicher Konflikt in der Koalition überhöht« werde.

Das ändert aber nichts an ihrer hohen Wertschätzung, die sie manchmal mit ungewöhnlichen Gesten ausdrückt: »Frankreich und Deutschland danken der Presse für die Rolle, die sie bei der Aufdeckung der ›Panama Papers‹ gespielt hat. Diese Rolle unterstreicht einmal mehr den grundsätzlichen Wert der Pressefreiheit in unseren Gesellschaften«, hießt es etwa in der offiziellen Erklärung des deutsch-französischen Ministerrates vom 7. April 2016.« Zu den öffentlich-rechtlichen Sendern hat Merkel übrigens schon deshalb eine besondere Beziehung, weil ihr früherer Sprecher Ulrich Wilhelm danach Intendant des Bayerischen Rundfunks wurde und sie seinen Nachfolger Steffen Seibert vom ZDF holte.

Alter (24.3.2017)

Merkel ist am 17. Juli 1954 geboren. Als sie als 52-Jährige zur Bundeskanzlerin gewählt wurde, gab es gleich zwei Premieren: Sie war die erste Frau in diesem Amt und noch nie war jemand so jung auf diesen Posten gekommen. Mit zunehmendem Alter schleichen sich immer wieder Hinweise in ihre Auftritte ein, dass sie sich ihres Alters sehr bewusst ist. Sie gibt sich dabei zunehmend entspannter. »Ich bin jetzt in einem Lebensalter, in dem ich mit mir immer mehr im Frieden lebe«, sagte sie bereits 2010. Als Mädchen sei sie oft unzufrieden gewesen, weil sie Dinge nicht konnte, die sie können wollte. »Heutzutage kann ich die Dinge, die ich können möchte.«

Und sie fordert das Bekenntnis zum eigenen Alter mittlerweile geradezu ein. »Man sollte sich dazu bekennen, so wie man sich dazu bekennt, jung zu sein, weil das Alter in seiner ganz anderen Ausprägung als vor 100 Jahren sein Gesicht ja nur zeigen kann, wenn es auch Menschen gibt, die zugeben, dass sie alt sind«, sagte sie 2017. »Wenn man immer erst kurz vorm Sterben ›alt‹ ist, dann bekommt das Alter auch kein Gesicht. Und dieses Gesicht des tatkräftigen Älteren gehört einfach dazu.« Dann scherzte Merkel: Wenn sie auf ihr eigenes Alter hinweise, werde ihr immer wieder gesagt: »Nein, nein, nein, keine Sorge: Sie sehen noch ganz jung aus. Man versucht dies ja auch jeden Tag.« Trotzdem finde sie, Älterwerden müsse man einfach akzeptieren.

Zudem wird der Versuch offensichtlicher, Lebenserfahrung weitergeben zu wollen. »Anders als früher kann ich willkommene oder weniger willkommene Ratschläge geben. Jedenfalls kommen mir manche Dinge bekannt vor. […] Manchmal habe ich Angst, dass ich schon zu viel erlebt habe. Aber oft habe ich auch Recht«, sagte sie. Eine Gruppe junger Unionsabgeordneter mahnte sie eindringlich, sich mit den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen. Die Jungen müssten sich überlegen, was sie davon im 21. Jahrhundert erhalten wollten – von dem, wofür Menschen gekämpft hätten, »die noch älter sind als ich«.

Als Kanzlerin sucht sie gezielt Kontakt zu jüngeren Ansprechpartnern, auch weil sie sich der eigenen Unzulänglichkeit bei neuen Technologien bewusst ist. Das Problem sei, dass junge Leute in Deutschland zwar mit Zukunftsthemen wie der Digitalisierung vertraut seien, aber nicht in Führungspositionen säßen. »Ich finde es interessant, wenn ein Unternehmen wie Bosch jeder älteren Führungskraft einen Jüngeren an die Seite stellt, der ihm sagt, was die digitalen Möglichkeiten und die digitalen Herausforderungen sind«, schlägt sie deshalb vor.

Außerdem sieht sie die Jugend als Stimmungsaufheller: »Jüngere müssen Ältere immer wieder aus der Resignation heraustreiben«, forderte sie. Bei ihr selbst sei das aber weniger nötig. »Ich gehöre nicht zu den Kulturpessimisten. Ich gehöre auch zu der Abteilung Hoffnung.«

Frauenquote

Die Frauenquote gilt als einer der Bereiche, in denen bei Merkel ein Umdenken sichtbar wird, sie ihren Kritikern zufolge also ›umgefallen‹ ist (s. Umfallen). Erst war sie gegen eine Quote etwa in Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen, in der Koalition mit der SPD ab 2013 setzte sie sie dann aber um. Mit der Quote hatte sie ihre besonderen Probleme – das betraf schon die eigene Partei. Anfangs hielt Merkel davon nämlich gar nichts. »Sie hat etwas Degradierendes und Ehrenrühriges«, sagte sie 1994. Dennoch passte sich Merkel an, stimmte auf Parteitagen für ein Quorum, »um nicht mit den falschen Leuten in einen Topf geworfen zu werden«. »Natürlich weiß ich, dass der Frauenanteil mit der Quote mit höherer Wahrscheinlichkeit steigt. Dennoch widerspricht die Quote meiner Auffassung von freiwilligem menschlichem Handeln.« Beim Umdenken half übrigens entscheidend auch Helmut Kohl mit. »Vor vielen, vielen Jahren, als die CDU das Quorum auf einem Parteitag einführen wollte und ich Frauenministerin war, sagte ich zu dem Bundeskanzler Kohl, dass ich da jetzt eigentlich nicht dafür stimmen könnte, worauf der aber sagte, das sollte ich aber besser tun – und um der Sache Nachdruck zu verleihen, müsse ich gleich noch reden zu dem Thema«, erzählte sie später.

Später wich ohnehin ihre Hoffnung auf die Einsicht der Männer eher einem pädagogischen Ansatz: Merkel gab zu, dass Parteien mit Quoten mehr Frauen in Spitzenpositionen brächten – und akzeptierte deshalb ebenfalls das Drittel-Quorum, nach dem zumindest jeder dritte Listenplatz in der CDU mit einer Frau besetzt werden sollte. 2005 urteilte Merkel, dass die parteiinterne Quote tatsächlich gewirkt habe: Die Zusammensetzung in den Parteigremien habe sich spürbar geändert. Im September 2016 erklärte sie ihre Positionsänderung sehr nüchtern: »Dass es in mehr als 65 Jahren Bundesrepublik nicht gelungen ist, in die Dax-30-Unternehmen auf freiwilliger Basis mal ein paar Aufsichtsrätinnen reinzubekommen, ist doch ein Armutszeugnis. Ich war lange gegen eine Quote. Aber irgendwann hat man so viele leere Versprechen gehört, dass klar ist: So geht es nicht.« Die mangelnden Erfolge in den Dax-Aufsichtsräten ohne Gesetz nannte sie sogar »bedrückend«.

Humor

Merkel hat Humor, das bestätigen sogar ihre politischen Gegner. Sie gilt zwar nicht als große Witzeerzählerin wie einst Johannes Rau, aber sie habe immer einen Witz parat, sagt sie. Nur will sie selbst ihren Humor nicht bewerten. Das könnten nur andere. Als legendär galten etwa ihre Imitationen von Politikern – allerdings im kleinen geschützten, nicht-öffentlichen Kreis. Ein wichtiges Instrument Merkels ist Selbstironie – die natürlich dann am besten ankommt, wenn man erfolgreich ist. Dann gilt dies als Zeichen der Bescheidenheit. Auf eine Frage, warum Aussagen von ihr im Gorleben-Untersuchungsausschuss von denen von 1995 abwichen, sagte Merkel 2012 etwa ironisch: »Weil ich damals noch nicht so perfekt war wie heute.« Trockenen Humor zeigt sie häufig, wenn ihr Fragen gestellt werden, die sie leicht absurd findet – etwa die nach den Gründen für ihre Ausdauer (s. Ausdauer). »Von mir wurde gesagt, dass ich als Baby sehr gut geschlafen habe – und immer gut gegessen habe, vielleicht wirkt das nach – außer Spinat. (Pause) Heute hat sich mein Verhältnis zum Spinat geklärt.«

Mitte der Neunziger bekannte Merkel, dass es ihr etwas ausmache, wenn sie für traurig, spröde und trocken gehalten werde, obwohl sie sich selbst als ziemlich sonniges Gemüt empfinde.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete genau diese Differenz zwischen öffentlichem Eindruck und nicht-öffentlicher Realität als ihr Erfolgsrezept: »Sie hat einen sehr guten Sinn für Humor, den sie bei einer Pressekonferenz nicht immer zeigt. Dann ist sie vor Ihnen allen viel ernster. Das ist vielleicht auch gut so.«  Für Merkel hat aber auch der Humor eine ernstere Seite – was sie betont, wenn sie etwa die Abordnungen der deutschen Karnevalsvereine im Kanzleramt empfängt. »Man kann auch mal über Dinge lachen, die sonst eher zum Weinen sind«, lobt sie die »Narren« und »Tollitäten«. »Und Verstand braucht es, Ernsthaftem etwas Lustiges abzugewinnen.«