Reden

(28.9.17)  In den mehr als elf Jahren Kanzlerschaft hat es einen konstanten Vorwurf gegeben: Merkel rede zu wenig, nicht nachdrücklich genug und sie erkläre zu wenig, warum sie was tut. Unzählige Journalisten und Politiker beklagen dies. Aus Merkels Sicht entsteht dieser Eindruck aber nicht etwa, weil sie keine Reden halte – sondern weil es eine Beschleunigung der Mediengesellschaft und eine andere Aufmerksamkeitsspanne gibt. Tatsächlich hat Merkel von November 2005 bis Mai 2016 alleine 59 Regierungserklärungen im Bundestag gehalten – absoluter Rekord aller Bundeskanzler. Besonders viele (25) waren es zwischen 2009 und 2013. Das erklärt sich durch die vielen Euro-Debatten und Euro- sowie EU-Sondergipfel, zu denen sie mittlerweile jedes Mal im Parlament redet. Doch die Kurzatmigkeit des Medienbetriebs färbt langsam auch auf Merkel ab: Mittlerweile gehe es ihr schon selbst so, dass sie eine Woche nach einer Rede im Bundestag darüber nachdenke, ob sie nicht wieder einmal eine Rede halten müsse, bekannte sie intern.

Merkel wird manchmal selbst-referenziell und setzt dies auch als leise Mahnung an die Journalisten ein. Ein Beispiel war ihr Anti-Pegida-Appell im Spätsommer 2015. »Wie ich es schon zu Beginn dieses Jahres in meiner Neujahrsansprache gesagt habe, sage ich auch heute denen, die, aus welchen Gründen auch immer, bei solchen Demonstrationen mitlaufen: Folgen Sie denen nicht, die zu solchen Demonstrationen aufrufen!«, forderte sie die Bürger in ihrer Sommerpressekonferenz am 31. August 2015 auf. Mit der kleinen Erinnerung wies sie den Vorwurf zurück, sie schweige zu fremdenfeindlicher Hetze.

Merkel gilt nicht als begnadete Rednerin, was schon daran liegt, dass sie kontroverse Formulierungen scheut und ihr zumindest meist öffentlich die Lust zur Provokation abgeht. In Regierungserklärungen verliert sie sich häufig im Detail, beschreibt oft mehr als dass sie erklärt, warum etwas beschlossen wurde. Selbst Parteifreunde attestieren ihr, dass sie oft überzeugender wirke, wenn sie auf Fragen antwortet, als wenn sie eine Rede hält.

Aber es gibt Ausnahmen, etwa die Rede auf dem CDU-Bundesparteitag in Karlsruhe am 14. Dezember 2015: Merkel stand in der Flüchtlingskrise unter massivem Druck aus den eigenen Reihen. Viele hatten schon einen Putsch auf dem Parteitag erwartet. Aber dann hielt Merkel eine fast siebzigminütige Rede und riss Anhänger und Gegner mit. Minutenlange Ovationen der 1001 CDU-Delegierten waren die Folge, danach gewann Merkel das Votum über ihre Flüchtlingspolitik mit überwältigender Mehrheit. In der Euro-Krise riss sie ihre skeptische CDU/CSU-Bundestagsfraktion in einer Sondersitzung am 23. August 2011 ebenfalls in einem kritischen Moment mit einer emotionalen, sehr grundsätzlichen Rede mit. Überhaupt kann sie über die Bedeutung des Euro und Europas auch in Wahlkampfreden sehr nachdrücklich sprechen – was vielleicht auch die sehr deutliche Ansage an Großbritannien nach der Brexit-Entscheidung in ihrer Regierungserklärung im Juni 2016 erklärt. Ein anderes Beispiel für eine kämpferische Rede ist die auf dem Essener CDU-Bundesparteitag im Jahr 2000, als sie nach dem Abgang Kohls die noch zerstrittene Partei hinter sich einte.

Weltweit beachtet wurden zudem ihre symbolträchtigen Auftritte von dem US-Kongress oder der israelischen Knesset. Eine große, weil nicht nur bewegende, sondern auch rhetorisch geschickte und für Deutschland politisch sehr wichtige Rede hielt Merkel auf der Gedenkfeier für die Opfer der rechtsradikalen NSU-Gruppe 2012. Die Kanzlerin wollte an die Angehörigen der überwiegend türkischstämmigen Opfer, aber auch ins Ausland das Signal senden, dass die Bundesrepublik diese Morde mit allem Nachdruck aufklären werde.

Dass sie mitreißende Reden bei anderen durchaus genießen kann, schimmert ebenfalls manchmal durch. So würdigte sie nach dessen Tod den früheren FDP-Chef Guido Westerwelle als einen der besten Redner, die der Bundestag erlebt habe.

Einen zentralen Redenschreiber wie etwa US-Präsident Barack Obama hat Merkel heute nicht. Reden für die Kanzlerin entstehen auf sehr unterschiedliche Art und Weise, je nach Bedarf und ihrem eigenen Interesse. Die vielen Reden, die sie etwa vor Verbänden halten muss, werden meist in den betroffenen Fachabteilungen des Kanzleramtes vorbereitet, dann legt Büroleiterin Beate Baumann Hand an. Merkel bekommt kleinere Reden erst auf der Fahrt zum Ereignis im Auto in die Hand, sortiert dann einiges neu oder lässt Passagen weg – und redet oft frei.

Bei den vielen abgegebenen Erklärungen etwa zu Terroranschlägen ist Regierungssprecher Steffen Seibert mit der Fachabteilung involviert. Wichtige Reden wie Regierungserklärungen dagegen entstehen oft in einem intensiven Diskussionsprozess, in den auch Beraterin Eva Christiansen, Seibert und Baumann eingebunden sind. Hier legt die Kanzlerin selbst Hand an. Reden im Ausland liest sie eher ab, schon um die Übersetzung zu erleichtern – auch hier haben vorher die Fachabteilungen entscheidende Punkte geliefert. Parteitagsreden entstehen wiederum anders, weil hier viel Input auch von CDU-Generalsekretär Peter Tauber und anderen CDU-Granden kommt.

Das schwierige Verhältnis zu Reden erklärte die Politik-Außenseiterin aus dem Osten so: „Für mich war es am Anfang als Politikerin sehr schwer, doch sehr häufig dasselbe zu sagen und die gleichen Worte zu benutzen und zu wissen, das ist Teil des Erfolgs. Weil, erst wenn ich es fast nicht mehr hören kann, es beginnt, bei anderen auch anzukommen. Und das ist nicht geistige Erschlaffung, dass man zweimal dasselbe sagt. Das war in meinem früheren Beruf anders“, sagte Merkel 2016 in einem Film über sie.

Eine Besonderheit sind die Wahlkampfreden der CDU-Vorsitzenden. In einigen Landtagswahlkämpfen konnte man die Uhr danach stellen, dass  Merkel Reden 22 bis 23 Minuten dauerten und sich sehr stark glichen – bis auf ein oder zwei Punkte, die sie vielleicht tagesaktuell setzen wollte. Aber im Bundestagswahlkampf 2017 variierten sowohl Rededauer als auch –Inhalte. Von gut 20 bis über 40 Minuten reichte die Rededauer, was manchmal nicht nur am Zeitdruck lag, sondern auch den ungewöhnlich lauten Störaktionen vor allem rechter Gruppen.  In solchen Situationen hält sich Merkel eisern an ihre Kernbotschaften, verzichtet auf Witzchen und redet erheblich langsamer, weil sie sich konzentrieren muss. Generell gilt: Je wohler sie sich fühlt, desto länger, lockerer und „runder“ werden mittlerweile die Reden. Zwei Beispiele dafür waren im Wahlkampf etwa die Reden in Binz am 16. Und in Gießen am 21. September, die jeweils länger als 40 Minuten waren.

Dass sie in Reden alles andere als perfekt ist, räumt Merkel ein. „Und ich habe auch manchmal schon was ganz Falsche gesagt. Dann muss ich sagen: Das passiert, ist dumm.“

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.