Zukunft I, Person

(3.7.2017) (s. Nachfolger) In der CDU wurde seit Beginn ihrer dritten Amtszeit darüber gerätselt, ob sie 2017 noch ein viertes Mal antreten wird. Erst am 20. November 2016 sorgte Merkel dann für Klarheit und erklärte ihre erneute Kandidatur – nachdem sie nach eigenen Bekunden »sprichwörtlich unendlich viel darüber nachgedacht habe«. Nun sei das Ziel weitere vier Jahre, also eine volle Amtszeit. Merkel hat es in ihrer Amtszeit vermieden, über private persönliche Ziele nach einem Ausscheiden aus der Politik zu reden – aus Sorge, dass man ihr dann Amtsmüdigkeit unterstellen könnte. Dieselbe Zurückhaltung galt für das Schwärmen für andere Posten, weil sich Medien dann wie bei Fußballern auf einen möglichen Wechsel ausgerichtet hätten. Die Frage, ob sie 2017 bei den Bundestagswahlen erneut kandidiere, hatte sie stets mit derselben Formulierung zurück, nämlich dass sie dies zu gegebener Zeit entscheiden werde. Trotz oder wegen aller ausweichenden Antworten blühten die Spekulationen. CSU-Chef Seehofer war 2014 fest überzeugt, dass Merkel 2017 noch einmal antritt. Öffentlich spekulierte er, dass dann sogar eine absolute Mehrheit möglich sei. Wegen der gravierenden Differenzen in der Flüchtlingskrise wurde er später allerdings sehr viel zurückhaltender. Erst am 6. Februar 2017 stellte sich die CSU dann offiziell hinter die Kanzlerkandidatin Merkel.

Geht man nach der Häufigkeit der Spekulationen in Medien, dann müsste Merkel irgendwann doch noch einmal entweder UN-Generalsekretärin oder EU-Kommissionspräsidentin werden. Im Februar 2016 heizte der frühere UN-Sprecher Mark Seddon mit einem Meinungsstück in der New York Times die Spekulationen über Merkels Wechsel an die UN-Spitze erneut an, als er sie als beste Kandidatin beschrieb. Sogar UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fragte daraufhin bei ihr nach, ob an den Gerüchten etwas dran sei. »Nein«, war die Antwort. Als Ban in der gemeinsamen Pressekonferenz gefragt wurde, ob er Merkel denn überhaupt als würdige Nachfolgerin sehe, verdrehte Merkel nur belustigt-genervt die Augen. Ban beantwortete die Frage nicht direkt, gab aber eine Lobeshymne für die »moralische Stimme Europas« ab. Tatsächlich wurde dann aber der Portugiese Antonio Guterres zum neuen UN-Generalsekretär gewählt. Als ähnlich unwahrscheinlich gilt übrigens der Wechsel an die Spitze der EU-Kommission: Denn weder ein künftiger deutscher Kanzler, noch ein französischer Präsident hätten Interesse an einer zu mächtig auftretenden EU-Kommissionspräsidentin. Nicht ohne Grund stammten bisher die meisten Präsidenten aus kleinen EU-Mitgliedsstaaten. Merkel wolle nach ihrer Zeit als Kanzlerin wirklich aufhören mit der Politik, höchstens etwa Projektbezogenes machen wie Bill Clinton mit seiner Haiti-Hilfe, meint ihre Biografin Evelyn Roll unter Berufung auf Kanzleramtsmitarbeiter.

Zur Vorsicht mahnen frühere, selbstbewusst vorgetragene Vorhersagen von Medien. »Mit 60 Jahren ist für Angela Merkel Schluss!«, hatte etwa die Bild am 15. April 2013 ihren Lesern einst verkündet. Im Februar 2016 – lange nach dem nicht erfolgten Rücktritt – lieferte dieselbe Zeitung dann fünf Gründe, wieso Merkel nicht zurücktreten werde. Die Financial Times glaubte bereits im Oktober 2015 zu wissen, dass das »Ende der Ära Merkel in Sicht ist«.

Merkel hat die Spekulationen mit genährt. Bereits 1998 hatte sie gesagt: »Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. Das ist viel schwerer, als ich mir das früher immer vorgestellt habe. Aber ich will kein halb totes Wrack sein, wenn ich aus der Politik aussteige.« Im November 2016 betonte Merkel scherzhaft, sie habe nach einem Blick in den Spiegel festgestellt, dass dieser Zustand noch nicht eingetreten sei. Nach dem von den meisten Beobachtern als emotions- und lustlos empfundenen Auftritt mit CSU-Chef Seehofer in München am 6. Februar 2017 musste sie aber tagelang gegen die Vermutung ankämpfen, sie habe nicht mehr den nötigen Elan für einen erfolgreichen Wahlkampf – zumal da die SPD mit ihrem neuen Kanzlerkandidaten Martin Schulz vorübergehend in Umfragen zur Union aufgeschlossen hatte . Als sie im Juni 2017 gefragt wird, auf was sie sich in einem neuen Lebensabschnitt besonders freue, sagte sie: „Jetzt mitten im Wahlkampf über neue Lebensabschnitte  zu philosoheren, könnte zu Missverständnissen führen. Aber der Gedanke, manchmal morgens etwas länger schlafen zu können, der ist mir nicht fremd.“

Früher gab Merkel an, dass Frauen leichter einen Ausstieg fänden als Männer, weil sie sich einen größeren Bezug zum »praktischen Leben« bewahren würden. Schon 1991 hatte sie allerdings über Entzugserscheinungen nach zwei Tagen Urlaub geklagt. Später argumentierte Merkel intern nach dem Abgang des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, dass Länder-Regierungschefs angesichts der enormen Anforderungen der Mediendemokratie eigentlich meist nach acht Jahren »verbraucht« seien – was die Frage nach der Beanspruchung für Kanzler nahelegt. Merkel hält prinzipiell nichts davon, zu genau über eigene Pläne in ferner Zukunft zu reden. In der Neujahrsansprache am 31. Dezember 2010 zitierte sie den Philosophen Karl Popper: »Die Zukunft ist offen. Sie hängt von uns ab, von uns allen.« Diesen Ausdruck benutzte sie in den folgenden Jahren immer wieder.

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.