Frauenquote

(20.2.2017) Die Frauenquote gilt als einer der Bereiche, in denen bei Merkel ein Umdenken sichtbar wird, sie ihren Kritikern zufolge also ›umgefallen‹ ist (s. Umfallen).Erst war sie gegen eine Quote etwa in Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen, in der Koalition mit der SPD ab 2013 setzte sie sie dann aber um. Mit der Quote hatte sie ihre besonderen Probleme – das betraf schon die eigene Partei. Anfangs hielt Merkel davon nämlich gar nichts. »Sie hat etwas Degradierendes und Ehrenrühriges«, sagte sie 1994. Dennoch passte sich Merkel an, stimmte auf Parteitagen für ein Quorum, »um nicht mit den falschen Leuten in einen Topf geworfen zu werden«. »Natürlich weiß ich, dass der Frauenanteil mit der Quote mit höherer Wahrscheinlichkeit steigt. Dennoch widerspricht die Quote meiner Auffassung von freiwilligem menschlichem Handeln.« Beim Umdenken half übrigens entscheidend auch Helmut Kohl mit. »Vor vielen, vielen Jahren, als die CDU das Quorum auf einem Parteitag einführen wollte und ich Frauenministerin war, sagte ich zu dem Bundeskanzler Kohl, dass ich da jetzt eigentlich nicht dafür stimmen könnte, worauf der aber sagte, das sollte ich aber besser tun – und um der Sache Nachdruck zu verleihen, müsse ich gleich noch reden zu dem Thema«, erzählte sie später.

Später wich ohnehin ihre Hoffnung auf die Einsicht der Männer eher einem pädagogischen Ansatz: Merkel gab zu, dass Parteien mit Quoten mehr Frauen in Spitzenpositionen brächten – und akzeptierte deshalb ebenfalls das Drittel-Quorum, nach dem zumindest jeder dritte Listenplatz in der CDU mit einer Frau besetzt werden sollte. 2005 urteilte Merkel, dass die parteiinterne Quote tatsächlich gewirkt habe: Die Zusammensetzung in den Parteigremien habe sich spürbar geändert. Im September 2016 erklärte sie ihre Positionsänderung sehr nüchtern: »Dass es in mehr als 65 Jahren Bundesrepublik nicht gelungen ist, in die Dax-30-Unternehmen auf freiwilliger Basis mal ein paar Aufsichtsrätinnen reinzubekommen, ist doch ein Armutszeugnis. Ich war lange gegen eine Quote. Aber irgendwann hat man so viele leere Versprechen gehört, dass klar ist: So geht es nicht.« Die mangelnden Erfolge in den Dax-Aufsichtsräten ohne Gesetz nannte sie sogar »bedrückend«.

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.