Humor

(20.2.2017) Merkel hat Humor, das bestätigen sogar ihre politischen Gegner. Sie gilt zwar nicht als große Witzeerzählerin wie einst Johannes Rau, aber sie habe immer einen Witz parat, sagt sie. Nur will sie selbst ihren Humor nicht bewerten. Das könnten nur andere.Als legendär galten etwa ihre Imitationen von Politikern – allerdings im kleinen geschützten, nicht-öffentlichen Kreis. Ein wichtiges Instrument Merkels ist Selbstironie – die natürlich dann am besten ankommt, wenn man erfolgreich ist. Dann gilt dies als Zeichen der Bescheidenheit. Auf eine Frage, warum Aussagen von ihr im Gorleben-Untersuchungsausschuss von denen von 1995 abwichen, sagte Merkel 2012 etwa ironisch: »Weil ich damals noch nicht so perfekt war wie heute.« Trockenen Humor zeigt sie häufig, wenn ihr Fragen gestellt werden, die sie leicht absurd findet – etwa die nach den Gründen für ihre Ausdauer (s. Ausdauer). »Von mir wurde gesagt, dass ich als Baby sehr gut geschlafen habe – und immer gut gegessen habe, vielleicht wirkt das nach – außer Spinat. (Pause) Heute hat sich mein Verhältnis zum Spinat geklärt.«

Mitte der Neunziger bekannte Merkel, dass es ihr etwas ausmache, wenn sie für traurig, spröde und trocken gehalten werde, obwohl sie sich selbst als ziemlich sonniges Gemüt empfinde.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete genau diese Differenz zwischen öffentlichem Eindruck und nicht-öffentlicher Realität als ihr Erfolgsrezept: »Sie hat einen sehr guten Sinn für Humor, den sie bei einer Pressekonferenz nicht immer zeigt. Dann ist sie vor Ihnen allen viel ernster. Das ist vielleicht auch gut so.«  Für Merkel hat aber auch der Humor eine ernstere Seite – was sie betont, wenn sie etwa die Abordnungen der deutschen Karnevalsvereine im Kanzleramt empfängt. »Man kann auch mal über Dinge lachen, die sonst eher zum Weinen sind«, lobt sie die »Narren« und »Tollitäten«. »Und Verstand braucht es, Ernsthaftem etwas Lustiges abzugewinnen.«

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.