Alter

(24.3.2017) Merkel ist am 17. Juli 1954 geboren. Als sie als 52-Jährige zur Bundeskanzlerin gewählt wurde, gab es gleich zwei Premieren: Sie war die erste Frau in diesem Amt und noch nie war jemand so jung auf diesen Posten gekommen.Mit zunehmendem Alter schleichen sich immer wieder Hinweise in ihre Auftritte ein, dass sie sich ihres Alters sehr bewusst ist. Sie gibt sich dabei zunehmend entspannter. »Ich bin jetzt in einem Lebensalter, in dem ich mit mir immer mehr im Frieden lebe«, sagte sie bereits 2010. Als Mädchen sei sie oft unzufrieden gewesen, weil sie Dinge nicht konnte, die sie können wollte. »Heutzutage kann ich die Dinge, die ich können möchte.«

Und sie fordert das Bekenntnis zum eigenen Alter mittlerweile geradezu ein. »Man sollte sich dazu bekennen, so wie man sich dazu bekennt, jung zu sein, weil das Alter in seiner ganz anderen Ausprägung als vor 100 Jahren sein Gesicht ja nur zeigen kann, wenn es auch Menschen gibt, die zugeben, dass sie alt sind«, sagte sie 2017. »Wenn man immer erst kurz vorm Sterben ›alt‹ ist, dann bekommt das Alter auch kein Gesicht. Und dieses Gesicht des tatkräftigen Älteren gehört einfach dazu.« Dann scherzte Merkel: Wenn sie auf ihr eigenes Alter hinweise, werde ihr immer wieder gesagt: »Nein, nein, nein, keine Sorge: Sie sehen noch ganz jung aus. Man versucht dies ja auch jeden Tag.« Trotzdem finde sie, Älterwerden müsse man einfach akzeptieren.

Zudem wird der Versuch offensichtlicher, Lebenserfahrung weitergeben zu wollen. »Anders als früher kann ich willkommene oder weniger willkommene Ratschläge geben. Jedenfalls kommen mir manche Dinge bekannt vor. […] Manchmal habe ich Angst, dass ich schon zu viel erlebt habe. Aber oft habe ich auch Recht«, sagte sie. Eine Gruppe junger Unionsabgeordneter mahnte sie eindringlich, sich mit den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen. Die Jungen müssten sich überlegen, was sie davon im 21. Jahrhundert erhalten wollten – von dem, wofür Menschen gekämpft hätten, »die noch älter sind als ich«.

Als Kanzlerin sucht sie gezielt Kontakt zu jüngeren Ansprechpartnern, auch weil sie sich der eigenen Unzulänglichkeit bei neuen Technologien bewusst ist. Das Problem sei, dass junge Leute in Deutschland zwar mit Zukunftsthemen wie der Digitalisierung vertraut seien, aber nicht in Führungspositionen säßen. »Ich finde es interessant, wenn ein Unternehmen wie Bosch jeder älteren Führungskraft einen Jüngeren an die Seite stellt, der ihm sagt, was die digitalen Möglichkeiten und die digitalen Herausforderungen sind«, schlägt sie deshalb vor.

Außerdem sieht sie die Jugend als Stimmungsaufheller: »Jüngere müssen Ältere immer wieder aus der Resignation heraustreiben«, forderte sie. Bei ihr selbst sei das aber weniger nötig. »Ich gehöre nicht zu den Kulturpessimisten. Ich gehöre auch zu der Abteilung Hoffnung.«

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.