Sprache

Sprache war für Merkel schon immer wichtig – sie soll sehr früh angefangen haben, zu sprechen. Und nach eigenen Angaben hat sie dann auch sehr viel gesprochen. Schaut man auf die schier endlose Liste an Reden und Pressekonferenzen, die sie im Laufe ihrer Amtszeit gehalten hat, dann hat sich dies nicht geändert. Gleichzeitig wird sie immer wieder wegen einer technokratischen, unklaren Sprache in vielen Reden (s. Rede) kritisiert.»Das Wort ist ein bisschen elitär – disruptiv. Aber wie soll man es anders beschreiben«, sagte sie etwa im November 2016 mit Blick auf die Wirkung der Digitalisierung – um später zu scherzen, ihr sei gesagt worden, das Wort nicht mehr zu verwenden. Sprache variiert bei Merkel stark nach den äußeren Gegebenheiten. Im kleinen Kreis punktet sie oft durch Humor (s. Humor), Klarheit und eine in der Kombination mit Macht reizvoll derbe Bodenständigkeit – bis hin zu flapsigen Sätzen oder Schimpfworten. Manchmal schleicht sich trockener Witz auch in Reden ein, vor allem, wenn sie diese nicht abliest. »Wir müssen aufhören, unsere Gesellschaft unentwegt in Schubladen einzuteilen: das Vorschulkind, das Schulkind, der Auszubildende, der Ausgebildete, der Arbeitnehmer. Dann wird man zum Rentner – und dann ist man wieder in einer anderen Box«, sagte sie etwa 2012. Zudem pflegt sich eine geradezu legendäre Nüchternheit (s. nüchtern). »Der Sonntag war erst mal so okay«, sagte sie etwa nach dem überraschend klaren CDU-Sieg im Saarland im März 2017. »Ich sagte schon mal, an einem Tag wie gestern muss man wenig traurig sein.« Das kommt gut an.

Wenn Merkel dagegen vor großem Publikum über komplizierte inhaltliche Themen wie die Digitalisierung redet, die sie selbst sehr interessieren, verliert sie sich manchmal in abstrakte Sprachkonstrukte und spricht dann schon einmal wie im März 2017 von einem »qualitativen Veränderungszeitraum«. (s. Reden)

Merkel hat sich lange dagegen gewehrt, Sätze in den Mund zu nehmen, von denen sie nicht völlig überzeugt ist – nur um Applaus zu erhalten oder weil ihre Partei diese von ihr erwartet. Wenn sie unter Druck steht, passiert es aber doch. Im Dezember 2016 etwa erntete sie auf dem CDU-Bundesparteitag Begeisterung für ihre Forderung nach einem Verbot der Vollverschleierung – ihr folgender einschränkender Halbsatz »wo immer es rechtlich möglich ist«, war kaum noch zu hören. Merkel wird zudem immer dann als besonders authentisch wahrgenommen, wenn sie persönlich wird. »Ihr müsst, ihr müsst, ihr müsst mir helfen«, sagte sie etwa auf dem CDU-Parteitag nach der Ankündigung ihrer vierten Kanzlerkandidatur.

Sehr deutlich und überhaupt nicht technokratisch klingt sie vor allem, wenn sie mit Schülern  diskutiert. Dann versucht Merkel, komplizierte politische Sachverhalte und Abwägungen anschaulich zu erklären, wählt eine Alltagssprache – was meist funktioniert. Einem Lehrer machte sie etwa klar, wie er seinen Schülern etwas Abstraktes wie den Begriff »Infoblase« anhand von Rosen- und Margariten-Liebhabern erklären könne.

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.