Macron

(25.6.17) Am 16. Mai 2012 schüttelte Merkel dem damals 34 Jahre alten Emmanuel Macron erstmals die Hand. Als wirtschaftspolitischer Berater des neuen französischen Präsidenten Francois Hollande stand er bei Regen im Ehrenhof des Kanzleramtes – und weder Kanzlerin noch er selbst wussten damals, dass er am 7. Mai 2017 zu Hollandes Nachfolger gewählt werden würde. Bereits 2013 entwarf Macron mit Merkels Beratern weitreichende Pläne für eine Reform der Eurozone, die der Sozialist Hollande aber aus Angst vor einer Spaltung seiner Partei nicht umsetzen wollte. Aber Macron hielt als Berater, dann Wirtschaftsminister, dann als Präsidentschaftskandidat engen Kontakt nicht nur zu führenden SPD-Politikern wie Sigmar Gabriel oder Martin Schulz, sondern eben auch zum Kanzleramt. Bereits vor seiner Wahl empfing Merkel  den unabhängigen Kandidaten am 16. März 2017 in der Berliner Regierungszentrale – und machte vor der Stichwahl deutlich, dass sie ihm die Daumen für einen Sieg gegen die rechtsextreme Gegenkandidatin Marine Le Pen drückte. Sein eigener Antrittsbesuch am 15. Mai verlief wegen seiner klaren Bekenntnise zur EU und der deutsch-französischen Zusammenarbeit so herzlich wie wohl keiner seiner Vorgänger. »Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne«, zitierte Merkel in der gemeinsamen Pressekonferenz Hermann Hesse – und kredenzte dem Gast später Wiener Schnitzel mit Spargel. Gegenseitig Lob dominierte den ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt. Die offizielle Begrüßung des Präsidenten verlief zwar noch ohne Küsschen, dafür aber schon mit etwas ungelenken Berührungen der gegenseitigen Oberarme – im seit Jahrzehnten eingeübten deutsch-französischen Protokoll sicheres Anzeichen von Nähe. Schon da war klar: Unter Macron soll das deutsch-französische Verhältnis einen neuen Schub bekommen – zudem er gleich eine Reihe von Ministern ernannte, die sehr gut deutsch sprechen.

Auf dem Nato-Gipfel in Brüssel machte Macron seine politischen Präferenzen in einem kurzen Video sehr deutlich, das er am 25. Mai selbst verbreitet: Zu sehen ist darin, wie er auf die Gruppe von Nato-Regierungschefs und dabei direkt auf US-Präsident Donald Trump zusteuert – um im letzten Moment nach rechts zu Merkel abzubiegen und diese zuerst zu begrüßen. Aufmerksam verfolgt Merkel von Berlin aus, wie sich der französische Präsident auch in sozialen Medien inszeniert – etwa mit einer Ansprache auf Englisch nach dem angekündigten Austritt der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen und am 1. Juni dem Slogan »Make the world great again« – in Anspielung auf Trump »Make America great again.«

Am 23. Juni 2017 demonstrierten beide dann auf Macrons erstem EU-Gipfel, wie ernst es ihnen mit der neuen deutsch-französischen Abstimmung ist. Beide stellten sich nach Gipfelende im französischen Briefing-Raum gemeinsam den Fragen der Presse. »Ich bin mit all dem, was gerade gesagt worden ist, einverstanden«, betonte Macron.  »Ich weiß eine Sache: Wenn Frankreich und Deutschland nicht einverstanden sind, dann kommt Europa nicht voran.« So argumentiert auch Merkel seit langem.

 

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.