Kohl, Helmut

(4.7.17)    Merkel wäre heute nicht Kanzlerin, wenn Kohl sie nach der Einheit nicht erst zur Jugend-, dann zur Umweltministerin ernannt hätte. Und sie wäre wohl keine Kanzlerin, wenn sie als damalige CDU-Generalsekretärin am 22. Dezember 1999 nicht einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht hätte, in dem sie den Altkanzler aufforderte, den Weg frei zu machen und die Konsequenzen aus der Spendenaffäre zu ziehen.Kurz zuvor hatte er noch einmal betont, dass er die Spender nie nennen werde. Dann entschied sich die CDU-Generalsekretärin zum karriereverändernden Angriff. Ihr Aufruf zur »Erneuerung« bei ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden im April 2000 war die klare Ansage, dass zwar unter 16 Jahren Kohl vieles gut war – aber diese Zeit nun angesichts der Oppositionsrolle der CDU beendet sein müsse.

Gerade im Jahr 2000 erwies Merkel dabei eine für viele überraschende Härte, als sie sich gegen eine schnelle Rehabilitierung Kohls aussprach, der sich bis heute weigert, die Namen der damaligen Spender an die CDU zu nennen und damit aus ihrer Sicht elementare Spielregeln der deutschen demokratischen Rechtsstaatlichkeit verletzte. Das erklärt auch den erzwungenen Rücktritt vom Ehrenvorsitz der CDU. Kohl werde man sicher in Zukunft einmal wieder um Rat fragen können, sagte sie damals und hatte auch nichts dagegen, dass der ›Einheitskanzler‹ auf einer CDU-Veranstaltung zum 3. Oktober sprechen sollte. »Aber die Zeit des aktiven Politikers Helmut Kohl ist vorbei. Die neue Generation muss ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen«, wies die neue mächtige Frau in der CDU Ende August 2000 Wünsche der Kohl-Anhänger zurück, den Altkanzler wieder stärker zu integrieren.

Kohl war getroffen, aber der Kontakt riss nicht ab – dafür sorgten schon Parteiinteressen. 2005 unterstützte er sie als Kanzlerkandidatin der Union. Offiziell und für die Öffentlichkeit wieder als weitgehend gekittet gilt das Verhältnis der beiden seit dem 10. August 2009. Da besuchte eine braungebrannte Merkel Kohl in dessen Haus in Oggersheim. Fotografen halten die Szene fest, die als ›Versöhnung‹ der Merkel- und verbliebenen Kohl-Anhänger in der CDU gelten sollte. Dies sollte vor allem diejenigen konservativen Kräfte in der CDU beruhigen, die Merkel eine Aufgabe von zentralen Positionen der Partei vorgeworfen hatten, die die Union zu Kohl-Zeiten noch eingenommen hatte. Auch spätere Kontaktaufnahmen dienten oft dem Ziel, die Einheit mit der (sinkenden Zahl) der „Kohlianer“ und (wachsenden Zahl) der „Merkelianer“ in der CDU zu erhalten. Um dies Besuchern zu demonstrieren, hat Merkel in ihrem Büro auch ein Foto aufgestellt, das Kohl und sie im ersten Jahr ihrer Kanzlerschaft lächelnd im Kabinettssaal zeigt – als Symbol der Staffelübergabe innerhalb der CDU.

2011 sorgte Kohl für kurze Aufregung, als er in einem Interview kritisierte, dass die deutsche Außenpolitik ihren Kompass verloren habe. Auslöser war wohl die vorangegangene Kritik Merkels an den Konstruktionsfehlern der Währungsunion gewesen, wodurch der Altkanzler sein politisches Vermächtnis angekratzt sah. Ja, er habe damals Abstriche gemacht und den Euro ohne politische Union eingeführt, sagte er. »Abstriche […], die ich bis heute für vertretbar halte. Das Wort Konstruktionsfehler halte ich in diesem Zusammenhang für ganz falsch. Wir sind nicht so weit gegangen, wie es wünschenswert gewesen wäre, das ist richtig. Aber mehr war nicht drin und die Richtung stimmte, und darauf kam es an«, verteidigte er sich. Die Retourkutsche folgte gegen die Außenpolitik der damals bereits seit sechs Jahren regierenden Merkel: »Deutschland ist schon seit einigen Jahren keine berechenbare Größe mehr – weder nach innen noch nach außen«, kritisierte Kohl. Er frage sich, »wo Deutschland heute eigentlich steht und wo es hin will«. Gleichzeitig aber – und das nahm der Kritik damals die Brisanz – setzte sich Kohl klar dafür ein, Griechenland in der Eurozone zu halten und stärkte Merkel damit gegen die Kritiker aus der eigenen Partei.

Merkel reagierte damals wie immer bei solchen Angriffen: Sie antwortete nicht auf die Kritik und würdigte Kohl, wo immer es ging – am stärksten am 30. Jahrestag seiner Kanzlerwahl, als die Deutsche Post ihm zu Ehren eine Briefmarke herausgab. »Er hat es verstanden, die Persönlichkeit Helmut Kohls auf kleinstem Format zur Geltung zu bringen«, lobte Merkel im September 2012 die Arbeit des Briefmarken-Designers – und den Pfälzer als »Kanzler der Einheit« und »Ehrenbürger Europas«. Dies war auch die letzte Gelegenheit, bei der sich beide persönlich sahen, danach folgten nur noch Telefonate.

Im Wahlkampf 2013 ließ sich Kohl dann erst mit den FDP-Spitzen fotografieren – um dann doch für Merkels Wiederwahl zu werben. Im April 2016 sorgte er erneut kurz für Aufmerksamkeit, als er sich wie Horst Seehofer mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban traf, dem Gegner Merkels in der Flüchtlingskrise.

Für ihre Biografin Evelyn Roll ist Kohl ein gutes Beispiel dafür, wie Merkel ihre öffentlichen Positionen im Laufe der Jahre glättet. Früher hatte sie zugegeben, dass sie in der DDR einen eher kritischen, von den tendenziell ablehnenden West-Medien geprägten Blick auf Kohl hatte. Auch im Elternhaus hatte Merkel nicht gerade viele Sympathien für den Rheinland-Pfälzer zu hören bekommen. Ihre Eltern schätzten eher Helmut Schmidt oder Willy Brandt, die Mutter trat nach der Wende der SPD bei. Als Kohl Merkel 1991 fragte, was sie zu DDR-Zeiten von ihm gedacht habe, antwortete sie deshalb ausweichend. Später gab sie an, dass sie ihn bei seiner kritischen Tischrede beim Besuch von Erich Honecker in Bonn 1987 erstmals wirklich wahrgenommen und dafür sehr bewundert habe. Sie habe zudem die Häme gegen ihn als ungerecht empfunden, als er nach dem Mauerfall vor dem Schöneberger Rathaus in Westberlin ausgebuht wurde.

Auch dass sie ihn manchmal kurios fand, räumte Merkel im Mai 2017 ein. So habe Kohl sie verblüfft, dass er sie nach der Wende fragte, wem der See in der Uckermark gehöre, in dem sie bade – was die Ostdeutsche nicht beantworten konnte, weil sie auf Volkseigentum tippte. Außerdem habe Kohl sie als junge Abgeordnete gefragt, ob sie sich mit Frauen verstehe. »Ich sagte: Kein Problem – dann wurde ich Frauenministerin.«  Merkel hat sich nach eigenen Angaben bei Helmut Kohl viele politische Strategien abgeschaut hat, etwa das ›Aussitzen‹ (s. Aussitzen). Sein Vorgehen habe einfach die besseren Ergebnisse gebracht. Sie hat aber auch die Bedeutung des Netzwerkens von ihm gelernt – und die Bedeutung Europas für Deutschland durch sein Agieren verstanden. Andererseits ist sie weniger nachtragend und pflegt im Unterschied zum späten Kohl den ständigen Kontakt mit anderen, auch ihr durchaus kritisch gegenüberstehenden Gruppen – auf der Suche nach feedback und Veränderungen im Zeitgeist, der auch für ihre Arbeit wichtig sein könnten.

In ihrer Ansprache zum Tode Kohls am 16. Juni 2017 unterschied Merkel sehr genau vier Ebenen – Kohl als Europäer, Konstrukteur der Einheit, CDU-Vorsitzender und entscheidender Faktor in ihrem Leben. »Ich verneige mich vor seinem Angedenken«, sagte sie. Kohl sei ein Glücksfall für die Deutschen gewesen, der richtige Mann zur richtigen Zeit mit Blick auf die Einheit und natürlich ein großer Europäer. Am Ende folgte das persönliche Bekenntnis: »Helmut Kohl hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert. Wie Millionen andere konnte ich aus dem Leben in der Diktatur der DDR in ein Leben der Freiheit gehen. Ich konnte von da an auch ohne Angst vor einem alles überwachenden Staat leben. All das, was in den 27 Jahren von damals bis heute folgen sollte, wäre ohne Helmut Kohl niemals denkbar gewesen. Ich bin ganz persönlich dankbar, dass es ihn gegeben hat.« Dass die Beziehung der CDU-Vorsitzenden zu ihrem politischen Ziehvater am Ende aber nicht sehr eng war, zeigen zwei Umstände: Kohl war am Morgen des 16. Juni gestorben.  Merkel erfuhr dies erst später, hielt deshalb am Vormittag noch gut gelaunt eine Rede bei einer Werkseröffnung in Oranienburg und äußerte sich dann erst abends in Rom, vor einem Besuch beim Papst. Und in ihrer Ansprache erwähnte sie, dass sie Kohls Frau Maike gerade telefonisch ihr Beileid ausgesprochen habe – der Kontakt also Stunden nach seinem Tod stattfand.

Als Merkel bei dem Europäischen Trauerakt für Kohl am 1. Juli im Europäischen Parlament in Straßburg sprach, wiederholte sie ihren sehr persönlichen Dank erneut – mit gebrochener Stimme und nahe an Tränen. Ausdrücklich würdigte sie dabei neben seiner Rolle für Europa und die Einheit auch, dass er als Kanzler zwar manchmal stur gewesen sei, seinen Ministern (und damit ihr) »weitgehend freie Hand« gelassen habe, »jedenfalls erheblich mehr, als Außenstehende denken mochten.« Außerdem habe er ihr 1992 sehr geholfen, als sie als junge Ministerin einen Beinbruch erlitten hatte (s. Gesundheit). In ihren letzten Worten überwog das Pathos: »Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl«, sagte die Kanzlerin mit Blick auf den neben ihr aufgebahrten Sarg, »dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben. … Jetzt ist es an uns, Ihr Vermächtnis zu bewahren. Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Andenken in Dankbarkeit und Demut.«

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.