Wir schaffen das

(5.8.2017)  Erstmals öffentlich wahrgenommen wurde der Satz »Wir schaffen das« in der Sommerpressekonferenz der Kanzlerin 2015 – neu war er aber nicht. Bis ins Jahr 2016 hinein hat Merkel den Satz trotz aller Kritik sehr oft wiederholt – auch in ihrer Sommerpressekonferenz im Juli 2016 nach den teilweise IS-motivierten Anschlägen. Der Satz hat deshalb besondere Bedeutung, weil er typisch für einen Teil von Merkels Politik ist und der Satz sehr oft variiert wurde. CSU-Chef Horst Seehofer sagte etwa, dass der Satz zwar die Aufgabe des Staates beschreibe, aber verkürzt sei. Es fehle der Hinweis, ›Wie schaffen wir das?‹, hatte auch SPD-Chef Sigmar Gabriel gemahnt. Merkel selbst hat den Satz ebenfalls mehrfach abgeändert. »Wir schaffen das. Aber niemand hat gesagt: Wir schaffen das über Nacht«, sekundierte ihr Regierungssprecher Steffen Seibert. Am 31. August 2016 gab sie ein ganzes Interview nur zu den drei Worten und erklärte, dass diese eine Haltung, Erwartung und Überzeugung ausdrückten. Weil aber auch das ihre Kritiker noch nicht beruhigte, legte Merkel bewusst nach: Am 19. September betonte sie, dass die drei Worte durch die häufige Wiederholung zu einer »Leerformel« geworden seien, die sie gar nicht mehr wiederholen wolle. Denn der Satz sei als Ansporn gemeint gewesen, aber von einigen als Provokation empfunden worden. Dabei habe sie nur klarmachen wollen, dass eine sehr fordernde Aufgabe auf Deutschland zukomme, das Land aber die Kraft habe, sie auch zu bewältigen. In der Folgezeit machte sie sich wiederholt über ihren selbstgewählten Verzicht auf die Formulierung lustig, wenn sie in Reden das Wort »schaffen« etwa durch «gelingen«, »erledigen« oder »hinbekommen« oder »bewerkstelligen« ersetzte.  »Ich versuche jetzt Synonyme zu finden, um das Gleiche auszudrücken«, sagte sie mit einem Lächeln.

Auch im Wahlkampf 2017 kam sie wieder darauf zurück, dass der Begriff ihre Haltung beschreibe, wie man an große Aufgaben herangehen müsse. »Er hatte eine Mutmach-Komponente«, sagte sie. Aber ihr sei erst später aufgefallen, wie oft sie ihn verwendet habe.

So groß die Überraschung der Öffentlichkeit auch war – das Motiv ist im Denken Merkels alles andere als neu. Schon als Kanzlerkandidatin hatte sie 2005 mit Blick auf die Wirtschaftskrise gesagt: »Wenn CDU und CSU und alle Bürger fest zusammenhalten, dann schaffen wir das.« Ein Jahr später war sie überzeugt, dass die Leute »Negativismus« satt hätten. »Sie wollen hören: ›Das könnte man versuchen‹«, war Merkel überzeugt. 2011 betonte sie: »Ich finde es unerträglich, wenn man einem Land unentwegt sagt: Du schaffst das nicht. […] Das hilft überhaupt nicht. Ich glaube, das Land will es schaffen, und ich werde alle meine Kräfte einsetzen, um das Land dabei zu unterstützen.« Gemeint war damals übrigens Griechenland. Dieselbe Einstellung findet sich bei der Energiewende: »Andere werden auf uns schauen und prüfen: ›Haben die das hingekriegt?‹ Und wenn wir es nicht schaffen, werden sie wieder die Hände in den Schoss legen und sagen, dann schaffen wir es auch nicht.« Gegenüber Schülern betonte sie mit Blick auf die nötigen Reformen in Europa: »Ich habe meiner Zuversicht Ausdruck verliehen, dass wir das können – und auch können müssen.« Aber gerade nach der Flüchtlingskrise räumte sie ein: »Was mich irritiert, ist, dass ich manchmal fast so etwas wie eine Freude am Scheitern beobachte.« Das bezog Merkel übrigens auch auf den ganz persönlichen Bereich: »Ich habe einfach gerne Menschen immer wieder dazu ermutigt, an ihre Grenzen zu gehen«, sagte sie in Bezug auf Klassenkameraden in der Schulzeit – was auch der Anspruch an sie selbst gewesen sein, selbst im ungeliebten Sport.

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.