Schröder

(3.9.17) Das Verhältnis Merkels zu ihrem Vorgänger wird für die meisten durch die Szene am Wahlabend des 18. September 2005 geprägt, als Schröder Merkel versicherte, seine Partei werde sie nicht als Kanzlerin akzeptieren. Aber das Verhältnis der beiden, das von Konkurrenz und später von gegenseitiger Anerkennung geprägt ist, begann viel früher. Bereits als Bundesumweltministerin ärgerte sich Merkel in den neunziger Jahren über das von ihr als hinterhältig eingeschätzte Vorgehen des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten bei den damaligen Energiekonsensgesprächen. Mit der Bemerkung »Frau Merkel ist reichlich inkompetent« hatte sich der SPD-Politiker eine Gegnerin geschaffen. »Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn irgendwann genauso in die Ecke stellen werde. Ich brauche dazu noch Zeit, aber eines Tages ist es so weit. Darauf freue ich mich schon«, sagte sie im Januar 1997. Als sie im Wahlkampf 2005 als Kanzlerkandidatin antrat, ärgerte sich Merkel erneut über seine gezielt herablassende Art gegenüber seiner Herausforderin. Zugleich wuchs der Respekt vor dem Wahlkämpfer Schröder, der es aus der absoluten Defensive heraus fast noch zur Wiederwahl seiner rot-grünen Regierung geschafft hätte. »Ich habe ihn nie unterschätzt – auch vier Wochen vor der Wahl nicht«, erklärte sie später. Merkel bekennt offen, dass sie Schröders um seine schnelle Entscheidungsfähigkeit beneide – und lobt ihn bis heute intern und öffentlich auch als CDU-Kanzlerin für die 2003 von ihm durchgesetzte Agenda 2010. Schon in ihrer Regierungserklärung am 30. November 2005 betonte Merkel ausdrücklich: »Ich möchte Bundeskanzler Schröder ganz persönlich dafür danken, dass er mit seiner Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen hat, eine Tür zu Reformen, und dass er die Agenda gegen Widerstände durchgesetzt hat.«

Allerdings weist Merkel gleichzeitig die Einschätzung zurück, Schröder sei deshalb mutiger gewesen sei als sie und sie profitiere letztlich nur von seinen Reformen. Jeder Kanzler müsse sich in seiner Amtszeit bestimmten Problemen stellen, die ein Nachfolger nicht einfach wiederholen könne. Für den SPD-Kanzler sei die Neuordnung der Sozialleistungen diese Aufgabe gewesen.

Dass sich beide längst als ebenbürtig ansahen, zeigte sich, als der abgewählte Schröder im Juli 2007 nach dem Amtsantritt Merkels ins Kanzleramt kam, um sein Bild in der Ahnengalerie der Kanzlerin im ersten Stock aufhängen zu lassen. Als der SPD-Politiker das Goldporträt von Jörg Immendorff würdigte, sagte er gut gelaunt, dass irgendwann auch Merkel neben ihm hängen werde. Die Kanzlerin machte im Gegenzug leicht spöttisch klar, dass sie nun die Gastgeberin im Kanzleramt war. »Nun brauchen die Besucherinnen und Besucher nicht mehr zu fragen: Warum wird Schröder eigentlich nicht aufgehängt?«

Am 22. September 2015 stellte ausgerechnet Merkel mit viel Sympathie-Bekundungen die neue Biografie Schröders vor. So sei sie »unheimlich berührt« gewesen, dass Schröder bei der Amtsübergabe im Kanzleramt 2005 zwar nur sehr knapp auf ihre Fragen geantwortet habe, dann aber ein Kuchen in dem leeren Büro stand, als sie einzog. »Das fand ich ganz toll.« Es gebe ein Grundvertrauen zwischen den Büros des Vorgängers und ihrem eigenen. Und nach fast zwölf Jahren Kanzlerschaft gehe ihr noch immer locker der Satz über die Lippen: »Schröder hat sich um unser Land verdient gemacht.« Im Wahlkampfjahr 2017 erneuerte sie ihr Lob wieder und wieder. »Als ich 2005 Bundeskanzlerin wurde, habe ich mich nicht gescheut zu sagen, mein Vorgänger Schröder hat richtige Reformen gemacht«, sagte sie etwa im März 2017. Das Lob für Schröder nutzt Merkel dabei als Kritik an der aktuellen SPD. Diese stecke gedanklich immer noch in der Vergangenheit fest und führe nun schon den vierten Bundestagswahlkampf über Korrekturen an der Agenda 2010. Ohne Spott geht es nicht ab, wenn  beide politischen Alpha-Tiere aufeinandertreffen. Als Merkel bei der Buchvorstellung gefragt wurde, ob sie sich Schröder auch in ihrem Kabinett hätte vorstellen können, musste sie erst lachen. »Da wäre ich auch mit klar gekommen«, fügte sie dann hinzu. Kreative Menschen könne man in jedem Kabinett gebrauchen. »Er hatte ja wirklich viele Fähigkeiten.« Schröder saß derweilen kiefermahlend auf der Bühne. Auf die Frage, ob die beiden denn auch miteinander essen gingen, sagte sie: »So ausschweifend wollen wir nicht gleich werden.« Aber man rede miteinander, wenn es nötig sei.

Das schien aber nicht immer funktioniert zu haben. Denn als Schröder dann in den Verwaltungsrat des halbstaatlichen russischen Energiekonzerns Rosneft geholt werden sollte, machte Merkel aus ihrer Ablehnung keinen Hehl. Erstmals kritisierte sie dies am 21. August: »Ich finde das, was Herr Schröder macht, nicht in Ordnung«, sagte sie. Als er sogar für den Vorstandsvorsitz gehandelt wurde, war sie noch deutlicher: »Ich finde es überaus bedauerlich, dass ein ehemaliger Bundeskanzler offensichtlich im Gespräch für einen wichtigen Posten bei einem Unternehmen ist, das im Zusammenhang mit dem Konflikt in der Ostukraine auf der Sanktionsliste der EU steht«, betonte Merkel.

 

 

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.