Bücher

(9.9.17)   Selten hat Angela Merkel eine Lektüre derart oft in ihrer politischen Arbeit erwähnt wie Christopher Clarks Die Schlafwandler. In diesem wird die These vertreten, dass die europäischen Mächte auch wegen mangelnder Kommunikation untereinander in den Ersten Weltkrieg trieben. Merkel nutzte den Hinweis auf das Buch als Warnung etwa im Ukraine-Russland-Konflikt. Die Schlafwandler sind ein Beispiel dafür, dass Merkel ständig Einflüsse, Ideen und Anregungen von außen aufgreift und in ihrer Politik mitverarbeitet. Bücher gehören dazu. Dabei liest sie weniger Biographien früherer Politiker, sondern eher historische Bücher, etwa von Fritz Stern oder Heinrich August Winkler. Noch zu DDR-Zeiten habe sie die Werke des DDR-Systemkritikers Rudolf Bahro »verschlungen«, dessen Analyse faszinierend, die Schlussfolgerungen aber abwegig gefunden. Wichtig waren ihr aber auch »Kassandra« und »Kindheitsmuster« von Christa Wolf, auch wenn sie deren Glaube an die Reformierbarkeit des Sozialismus nicht teilte.

Wie westdeutsche Zeitgenossen las auch sie Heinrich Böll, dessen Satiren in Dr. Murkes gesammeltes Schweigen sie mag, und für dessen Ansichten eines Clowns sie in der DDR eine gesonderte Leseerlaubnis brauchte. Und als ihren liebsten Romanhelden nannte sie Robinson Crusoe. Als Mädchen mochte sie nach eigenen Angaben am liebsten »Max und Moritz« und »Emil und die Detektive«.

Generell liest Merkel aber weniger Belletristik, mehr Sachbücher. Aus der über die Jahre bekannt gewordenen Lektüre lässt sich ein wenig ablesen, wofür sie sich interessiert: Zu den gelesenen Büchern gehörte etwa »Kultur der Freiheit« des früheren Verfassungsrichters Udo di Fabio, ein Gesprächsband des späteren Papst Franziskus mit einem jüdischen Rabbiner über das Leben und ein Buch von Kardinal Kasper über Barmherzigkeit. Weil ihr auch durch die NSA-Affäre die Brisanz des Themas Digitalisierung klar wurde, las sie zudem Bücher wie Second Maschine Age von Erik Brynjolfsson oder Die granulare Gesellschaft von Christoph Kucklick. Zudem beschäftigte sie sich immer wieder mit Biografien. Von Barack Obamas Autobiografie war sie ebenso beeindruckt wie von der des in der NS-Zeit als ›entartet‹ eingestuften Malers Emil Nolde. Zur Entspannung greift sie nach eigenen Angaben zu Krimis und hat auch Michelle Obamas Gardening Book gelesen. Im Sommer 2017 las sie innerhalb von zwei Tagen ein Buch von Julian Barnes (Der Lärm der Zeit) über das Leben des sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch und dessen Ringen, in einem totalitären System Künstler zu sein. Dazu kam ein Thriller von Richard Harris.

Dabei genießt Merkel nach eigenen Angaben das Eintauchen in eine andere Welt. »Ich finde es wunderbar, immer mal wieder in ein Buch einzutauchen, also dass man etwas liest und dann alles andere drum herum auch vergisst, weil das eine eigene Welt ist in diesem Buch«, bekannte sie im August 2017.

Ihren Respekt für Bücher drückt Merkel auch anders aus: Sie selbst hat zwei Bücher geschrieben bzw. herausgegeben. Zudem stellte sie etwa das Werk des früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (Konservativ) vor, ebenso die Gerhard-Schröder-Biografie von Gregor Schöllgen, die Philipp-Rösler-Biografie von Michael Bröcker und zusammen mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk das Buch von Stefan Kornelius über ihre Außenpolitik. Im März  2017 übernahm sie zudem die Präsentation eines Buches der FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Übrigens zeigte sie schon als Schülerin einen Hang zu Effizienz: «Als wir früher einmal dicke Bücher lesen mussten, haben wir uns auch mal eines geteilt. Der Eine hat die erste Hälfte gelesen, der Andere die zweite«, erzählte sie im September 2017. Vor dem Unterricht habe man dann das Wissen zusammengeworfen.

 

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.