Deutschland

(25.9.17)    Die Bundesrepublik ist für Merkel der zweite Staat, in dem sie lebt. Das mag einen doppelten Blick erklären, den sie auf das Land hat, weshalb sie häufiger von ihrem »Bild« von Deutschland redet. »Eine aktive Bürgergesellschaft, ein Staat, in dem man gerne lebt und für den man sich deshalb auch gerne einsetzt – das ist mein Bild von Deutschland«, sagte sie etwa im September 2010. Als Neu-Bürgerin der vereinigten Bundesrepublik hat sie aber immer auch einen analytischen Blick: »Ich glaube, Deutschland habe ich gut verstanden«, sagte sie deshalb. Sie vermied über die Jahre Aussagen, dass sie »stolz« sei, Deutsche zu sein – weil sie dafür gar nichts könne. Außerdem habe sie in der DDR dauernd auf etwas »stolz« sein müssen, daher sei der Begriff für sie etwas verbraucht. Aber sie sei »froh«, eine Deutsche zu sein.

Sie sprach bereits 1991 lieber von Heimat und Vaterland – und mokierte sich über die Verklemmtheit in den alten Bundesländern, ein emotionales Verhältnis zum eigenen Land zuzugeben. SPD und Grünen warf sie damals ein gestörtes Verhältnis zur eigenen nationalen Identität vor. »Was ist denn so Schlimmes daran, wenn man sich zu seinem Vaterland bekennt? Das hat doch nichts mit Pickelhauben zu tun«, betonte Merkel. Zudem empfindet sie die Deutschen als »ein vergleichsweise stilles Volk, ein sehr ordentliches Volk, wo dann auch Nachtruhe und so was alles ist.«

Als Kanzlerin freute sie sich über die friedliche Deutschland-Begeisterung während der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land gleich im Jahr eins ihrer Kanzlerschaft 2006 und lobte einen unbefangenen Umgang der Fans mit der deutschen Flagge. Aber in der Funktion als Regierungschefin benutzte sie das Wort Vaterland danach seltener, wohl auch, um Missverständnisse auf EU-Ebene zu vermeiden. Denn dort steht der vom früheren französischen Präsidenten Charles de Gaulle geprägte Begriff ›Europa der Vaterländer‹ klar für die Absage an eine tiefergehende EU-Integration, die Merkel befürwortet. Ein Tabu wurde der Begriff aber nicht. 2011 würdigte sie Bundespolizisten mit den Worten: »Danke für den Einsatz für unser Vaterland.« Als Partei-Vorsitzende verwendet sie den Begriff übrigens häufiger, etwa bei ihrem Auftritt auf dem CSU-Parteitag 2015.

Statt ihres persönlichen Bekenntnisses nahm im Laufe der Jahre das allgemeine Lob der Kanzlerin für Deutschland zu. »Deutschland lächelt. Jedenfalls von Zeit zu Zeit. Ich denke, wir werden von vielen als verlässlicher Partner wahrgenommen«, sagte sie etwa 2009. In diesem Kontext verteidigte sie sechs Jahre später auch ihren Satz »Wir schaffen das«: »Ich kann das sagen, weil es zur Identität unseres Landes gehört, Größtes zu leisten, aus Trümmern ein Land des Wirtschaftswunders zu schaffen, nach der Teilung ein in der Welt hochgeachtetes Land in Einigkeit und Freiheit zu schaffen.« Ein wenig liege dies wohl auch an der Ruhelosigkeit und dem Perfektionismus der Deutschen. »Neulich in einem Gespräch hat mal jemand gesagt: Bei den Deutschen ist das Glas immer halb leer. Vielleicht ist es aber eine besondere Form des Glücks, dass sie immer gucken, wie sie es dann doch noch voller kriegen«, meinte sie. »Das ist auch unsere Stärke: Weil wir nicht so schnell zufrieden sind, sind wir an vielen Stellen auch erfolgreich gewesen […]. Daraus ist viel von dem geworden, wofür Deutschland insgesamt berühmt ist.«

Dieses Bild ist auch geprägt durch die Hochachtung, die Merkel immer wieder auf Auslandsreisen erfährt, etwa in China oder Indien. Die Betonung deutscher Fähigkeiten kommt von Merkel übrigens nicht zum ersten Mal. »Wenn es ein Land gibt, das eine solch große Herausforderung bewältigen kann, dann ist das eine Ingenieursnation wie Deutschland«, sagte sie etwa über die Energiewende. Deutschland ist für sie ein Labor für die Welt: »Wenn wir das gut machen, schaffen wir etwas großartiges Neues, das es bisher auf der Welt nicht gegeben hat.« Zudem bremst sie Klagen der Überforderung gerne mit Hinweisen auf andere Länder. So wies sie darauf hin, dass der Ministerpräsident Indiens innerhalb von zehn Jahren 200 Millionen Ausbildungsplätze schaffen müsse.

Allerdings sieht Merkel auch grundsätzliche Defizite. So beobachte sie in Deutschland einen Mangel an Improvisationstalent, ein zu starkes Festhalten am Status quo, was erklären dürfte, wieso sie in der Flüchtlingskrise mehrfach »Flexibilität« anmahnte. Und Merkel warnte früh vor etwas, was ihr dann aber selbst vorgeworfen wurde: Die Deutschen neigten dazu, die eigenen Forderungen immer zum Maßstab für alle zu erheben: »Wir müssen sehr aufpassen, dass wir uns international nicht dadurch ins Abseits stellen, dass wir allen sagen, wie es geht.«

Als 2016 zunehmende Überfremdungsängste auftauchten, versuchte sie Wähler zu beruhigen: »Deutschland wird Deutschland bleiben, mit allem, was uns daran lieb und teuer ist«, sagte sie. Zugleich warnte sie vor einem Hang, alles konservieren zu wollen. »Deutschland hat sich seit der Gründung der Bundesrepublik immer wieder verändert. Veränderung ist nichts Schlechtes.« Zum 65. Geburtstag der »Bild«-Zeitung legte Merkel eine A bis Z-Liste vor, was ihr alles zu dem Thema »deutsch« einfällt. Neben den politisch erwartbaren Antworten wie c wie »christlich-jüdische Tradition« gibt es auch einige Überraschungen. So fällt Merkel zu b etwa neben »Bratwurst« auch »Brückentag« ein, zu f »Federbett« und zu s »Spielzeugeisenbahn« – wahrscheinlich in Anspielung auf Horst Seehofers Hobby (s. Seehofer).

Im Wahlkampf 2017 stellte Merkel dann in jeder Rede zwei Punkte heraus, die Deutschland für sie einzigartig machten: Die Vielfalt in Einheit – mit dem Hinweis auf die vielen regionalen Besonderheiten, auf die die Menschen stolz seien. Und das Ehrenamt, weil sich 30 Millionen von 82 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich engagierten.

Autor: Andreas Rinke

Andreas Rinke, Jahrgang 1961, verfolgt seit sechzehn Jahren in Berlin das politische Geschehen und hat das erste Interview mit Angela Merkel 2005 noch vor ihrem Amtsantritt als Kanzlerin geführt. Der promovierte Historiker startete seine journalistische Karriere bei der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung«, wechselte zum »Handelsblatt« nach Berlin und ist heute politischer Chefkorrespondent und »Kanzlerwatcher« bei der internationalen Nachrichtenagentur Reuters.